Leseproben

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Wer immer auf Sicherheit bedacht ist und sich nur in gewohnten Bahnen bewegt, wird geistig und seelisch immer ärmer. Feste Vorstellungen und Urteile blockieren das, was neue Möglichkeiten eröffnet.
Die Kaiserin geht dorthin, wohin es sie ruft. Sie schaut sich das an, was sie immer schon einmal sehen wollte. Die Kaiserin macht ihre ganz persönliche Traumreise.

Ulja Krautwald: Die Geheimnisse der Kaiserin.

Buch 1

Kapitel 2 Drachenatem

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Erst am nächsten Tag, es ist der Erdmutter-Tag, der 8.Dezember, merke ich, dass ich mich noch immer in der Höhle befinde. Und es zeigt sich auch nirgendwo ein Ausgang. Vielmehr führt die Drachin mich noch tiefer hinein. Mein Körper ist wie in einer fiebrigen Trance, während sich vor mir etwas öffnet, das wie eine Art Zeitfenster erscheint. Wir gehen in einer grossen Schleife zurück im unendlichen Strom der Entwicklung. Da wird plötzlich jene sichtbar, deren Tag heute vielfach gefeiert wird: Die grosse Göttin, die Erdmutter. Hier in Griechenland heisst sie Demeter, die Göttin des vollen Lebens und der schöpferischen Kraft, der Fruchtbarkeit, der Fülle und der Ernte, der Gefühle, der Rhythmen und Zyklen… Ihre Zeit liegt schon länger zurück, aber auf eine bestimmte Weise ist sie hier noch präsent. Sie scheint damit auch jene Epoche überdauert zu haben, in der die männlichen Religionen sie verniedlicht und verjungfräulicht haben. Unbefleckt ist sie seither und ihrer Weiblichkeit beraubt, wie es der heutige Feiertag in der katholischen Welt ausdrückt. Damit hat man die Frauen gut unter Kontrolle.

Heisser Atem entwickelt sich nun in den Nüstern der Drachin. Sie schnaubt. Endlich darf sich das Brodeln in ihrem Inneren wieder Ausdruck verschaffen, und sie fühlt sich danach viel besser. Kein schlechtes Gewissen mehr, kein Eingesperrt-Werden dafür, dass sie sich nach innen begibt und von dort aus ihr Feuer nach aussen bringt. Kein Zurückhalten mehr, denn das hat sie in ihre eigene Zerstörung geführt. Beinahe entzündet sie mit ihrem heissen Atem jetzt die Höhle. Doch davor hütet sie sich. Es muss andere Wege geben, ihre Hitze und ihr Feuer auszudrücken.

 

Buch 2

Kapitel 4 Geburt (Transsib-Reise Teil 1)

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An der Anlegestelle bei Listwjánka (Anmerkung: am Baikalsee) holt mich meine nächste Gastgeberin ab. Das Gästehaus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann führt, übertrifft alle meine Erwartungen. Es ist ein altes, aus Holz gebautes Haus, das sie in den letzten Jahren renoviert haben, und es strahlt, wie auch die beiden, grosse Ruhe und Gemütlichkeit aus. Alles riecht nach frischem Holz. Nachdem sie mir mein Zimmer übergeben haben, werde ich mit Tee und einer kleinen Jause verwöhnt. Und ich geniesse ihre Gastfreundschaft. Später gehe ich noch zum Seeufer, um dort den Sonnenuntergang zu erleben. Wie ein roter Feuerball steht sie am Horizont und wirft ihre Strahlen über den See herüber…

Angaras Vater holt noch einmal zum Wurf mit dem grossen Felsbrocken aus. Doch dann bleibt er mitten in der Bewegung stecken. Er weiss plötzlich nicht mehr, warum er ausgeholt hat. Die Geste hat ihre Bedeutung verloren. Verschämt schaut er seinen Arm entlang hinunter und zieht ihn wieder zurück.

Dann reisst er plötzlich seine Augen auf… denn da sitzt nun jemand auf dem Felsen. Auch ich schrecke kurz zusammen und halte den Atem an. Es ist Baba Yaga. Sie hält seinen Arm fest, und erst jetzt sehe ich, dass sie es war, die sein Vorhaben durchkreuzt hat. Weit ist sie dafür gekommen, vom Berg ganz drüben im Westen. Sie hat das Feuer gehütet, das verloren war, seit die rasende Macht starker Männerarme die Welt im Blut und im Wasser ertränkt hat. Jetzt sitzt sie da und gebietet dem ganzen Einhalt.

Anmerkung: Angara ist ein Fluss, der vom Baikalsee wegfliesst, 
und Baikal ist der Vater dieser, seiner einzigen Tochter...