Ab in den Osten…

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Am Montag vor einer Woche ging es mit dem Bus von Ulverstone 120 Kilometer ostwärts in die zweitgrösste Stadt Tasmaniens, nämlich Launceston. Sie liegt am Tamar-Fluss und hat etwa 60.000 Einwohner.

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Auf der Fahrt von Ulverstone nach Launceston… (Fotos sind oft nicht ganz klar, weil durch ein Busfenster fotografiert)

Die Veränderung war radikal, was sich nicht nur dadurch bemerkbar gemacht hat, dass ich beinahe in irgend einem Park übernachten hätte müssen, weil die Buchung nicht funktioniert hat…

Vielmehr aber war es die Qualität des Lebens, und die Tatsache, dass sich plötzlich alles noch viel eigenartiger angefühlt hat. Von einer Stadt, die beinahe so gross ist, wie Salzburg – würde man auch ein grosszügigeres Lebensgefühl erwarten.

Warum genau das Gegenteil  der Fall war und dazu alles noch viel anstrengender war… konnte ich zwar bald herausfinden. Es hat daran zwar wenig geändert, aber ich konnte mir ein umfassenderes Bild vom Leben auf diesem Kontinent machen.

Gleich am nächsten Tag habe ich mich nämlich zu einer sogenannten „Ghost-Tour“ angemeldet – vor allem, um mehr über die Plätze zu erfahren, an denen die Strafgefangenen aus Übersee ihr Leben verbracht und harte Arbeit geleistet haben.

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Die Stadt Launceston am Tamar-River

Die Tour aber entpuppte sich dann als etwas ganz anderes. Die Sträflinge wurden nur nebenbei erwähnt, und es gab keinerlei Einsicht, dass deren Geschichte eigentlich die Grundlage ist für den ganzen Spuk-Wahn überall hier…

So wurden wir in abwegige Hinterhöfe und auf finstere Plätze geführt, wie z.B. in eine ehemalige Bestattung, eine Arztpraxis, in der hunderte von Menschen umkamen und die auch heute als Arztpraxis und Anwaltskanzlei dient, obwohl es angeblich das am meisten verwunschene Haus hier ist. Es wurden uns die schrecklichsten Geschichten erzählt und die Erfahrungen von Menschen mit den Geistern, die da überall herumhängen – in finsterer Nacht natürlich. Man versucht also Leute zu erschrecken und mit Dingen Spass zu machen, mit denen eigentlich nicht zu spassen ist. Und wozu sollte man sie lösen, wenn damit doch Geld gemacht werden kann?

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Letztes Bild: das most haunted house, wo es am meisten spukt…

Das ist überhaupt ein Grundgefühl hier: „Gib mir dein Geld und alles andere ist mir egal“. Die Menschen bezeichnen sich zwar als tolerant, aber Toleranz ist etwas Aktives – während man hier die meiste Zeit eigentlich völlig gleichgültig gegenüber allen Dingen ist.

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Ich habe dann einige Studien über die Sträflinge und die Strafkolonien hier gelesen und versucht, mir vor Augen zu führen, was es bedeutet haben mag, wenn man einfach tausende Kilometer weit verfrachtet worden ist – für immer. Danach erst habe ich verstanden, warum ich mich fühle, wie ich mich eben fühle hier…

Es waren etwa 170.000 Sträflinge, die Ende des 18.Jahrhunderts und Anfang bis Mitte des 19.Jahrhunderts hierher gebracht wurden. Das ist soviel wie eine ganze Klein-Stadt, 70.000 davon kamen nach Tasmanien.

Man muss sich vorstellen, was es für diese Menschen bedeutet hat. Es ging dabei auch oft nicht einmal wirklich um ein Vergehen, schon gar nicht um Verbrechen. Doch die britische Krone kannte und kennt kein Erbarmen mit ihren Untertanen, wenn es darum geht, ihre Macht zu erweitern und sich wieder ein Land oder gar einen Kontinent einzuverleiben.

Da fand man allerlei Vorwände, um Leute zu verhaften und weit weg zu schicken. Schliesslich ging es darum, auf diesem fernen Kontinent eine Kolonie zu gründen, bevor andere es taten. Mit Leichtigkeit konnte man sich viele Strafjahre einheimsen, wenn man z.B. einen Teekessel besass. Oder wenn jemand von einem Herren, dem er diente und von dem er nichts als gequält wurde, einen Schal stahl, weil die Familie zu Hause fror.

Das sind die Geschichten dieser unzähligen Menschen, die vielleicht mit 17, mit 20 oder mit 35 weggeschickt wurden und die wussten, dass sie ihre Heimat und ihre Familie nie wieder sehen würden. Auch viele Kinder waren unter ihnen.

Diese Menschen aber sind nun die Gründermütter und –väter dieser Nation und dieses Kontinents. Und nicht nur das: man vernichtete nach ihrer Ankunft hier auch eine Kultur, die vielleicht 60.000 Jahre oder noch viel älter war. In Tasmanien hat kein einziger Aborigine den Vernichtungsfeldzug der Herrenmenschen aus Übersee überlebt.

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Viele Gebäude in Launceston (und anderswo) wurden von Sträflingen erbaut. Sie produzierten auch die Ziegel… Der Tasmanische Tiger wurde ausgerotten, prangt jetzt aber überall auf öffentlichen Einrichtungen…

Auf dieser Grundlage ruht heute diese Nation und dieses Volk, und das hat freilich seine Auswirkungen. Selbst die Natur, die in vielen Bereichen wunderschön ist, weist tiefe Störungen auf. Mehr noch: die Freizeitanlagen und Parks sind voll mit Kriegsdenkmälern… damit die Leute auch noch dann, wenn sie sich erholen wollen, daran erinnert werden, wie heldenhaft es ist, dass das Königsreich ständig Krieg geführt hat und Krieg führt.

Wenn ich in die Gesichter der Menschen hier blicke, dann sehe ich oft weit aufgerissene Augen, entstellte Gesichtszüge, aber auch verbogene und verkrüppelte Körper in einem Ausmass, wie ich es sonst noch nie gesehen habe. Und es wundert mich nicht. Auch diejenige, die die Geistertour geführt hat, hatte diesen „wahn-sinnigen“ Blick. Und sie hat davon gesprochen, wie stolz sie ist, dass ihre Mutter ihr diese Geschichten als Erbe mitgegeben hat.

Dieser Teil der Erde ist aus ganz bestimmten Gründen aber ein sehr wichtiger für den gesamten Planeten, und genau aus diesen Gründen heraus hat man alles getan, um ihn zu stören und die wichtigste Ebenen in ihm zu zerstören. Heilung ist notwendig und sie wird tiefgehend sein müssen.

 

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Ansonsten ist das Leben hier meist reichlich kompliziert oder vermutlich genau aus dem gerade beschriebenen Grund…

  • Für jede Fahrt, die man mit der Bahn in Australien macht, muss man sich vorher schon anmelden. Doch das geht nicht etwa per Internet, sondern man wäre gezwungen, auch von Übersee anzurufen. Es gäbe keine andere Möglichkeit, wird einem mitgeteilt.
  • Internet gibt es fast nirgendwo, denn man benötige das kabellose Netz für Überwachungscameras. Oder man kann es nur an ein oder zwei Stellen in dieser Stadt nutzen, wo man dann auch etwas konsumieren muss. Das aber kommt natürlich ziemlich teuer. Abends sind sie geschlossen, und deshalb stehe ich manchmal, wenn etwas wichtig ist, mit dem Computer auf der Strasse, um etwas weg zu schicken
  • Eines Abends gab es in der anderen Stadt im Hotel abends eine Geburtstagsparty. Kinder haben sich da den Hotelgästen einfach in den Weg, um ihnen zu sagen, dass nicht durchgehen können (zu ihrem Zimmer). Dann hat einer noch versucht, ein Foto von mir zu machen. Ich bin ausgewichen. Und ein Erwachsener hat dann nur gemeint, ich soll ruhig bleiben, denn schliesslich wollte der Junge mich ja nur fotografiern. Solche Dinge geschehen hier täglich…
  • Meldet man sich zu einer Tour an, dann kann es durchaus sein, dass man danach von einigen Leuten verfolgt wird, denn schliesslich wissen sie dann, wo man wohnt.
  • Immer wieder ist es vorgekommen, dass aus dem gemeinsamen Kühlschrank einfach etwas herausgestohlen wurde…
  • Und manchmal hätte man sich fürchten können vor den Leuten, die im Hotel untergebracht waren…
  • Bioläden haben einige Artikel extra mit „nicht bestrahlt“ beschrift, was bedeutet, dass Nahrungsmittel grundsätzlich hier bestrahlt sind. Und natürlich ist im Wasser reichlich Chlor und Fluorit vorhanden.
  • Autos werden grundsätzlich nicht abgestellt. Es waren oft halbe Stunden unterhalb meines Fensters, wo die Motoren gelaufen sind…
  • Smartmeter sind in der Stadt installiert… und das Internet ist enorm kontrolliert. Immer wieder werde ich z.B. gezwungen, den Computer abzuschalten, wenn ich meine Webseite update oder bestimmte Seiten öffne. Dann läuft ein grauer Film über den Bildschirm und dann geht nichts mehr…
  • Schüler tragen hier generell Schuluniformen, selbst die Schultaschen sind alle gleich – das britische Königreich hat sich immer schon darum gekümmert, möglichst viele Menschen in Uniformen zu stecken…