Spirit von Tasmanien

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Es war Sonntag, der zwölfte Jänner, als ich frühmorgens mit einem Stadtzug Richtung Hafen im Süden von Melbourne gefahren bin. Ein Känguru hüpfte da entlang der Bahn und zeigte mir an, dass nun wieder grosse Sprünge zu machen seien. Ich habe in den letzten Tage viele Kängurus gesehen, leider auch viele tote entlang der Strassenränder… Es gibt mehr als dreissig verschiedene Arten. Rund um Melbourne waren es die grossen, in Tasmanien werden es die viel kleineren Wallabies sein, ebenso wie die Albino-Kängurus.

Gerade noch habe ich dann die Fähre erreicht, die „Spirit of Tasmania“, aber das war schon am Vorabend klar, als wir mit der zuständigen Stellen telefoniert haben. Öffentlicher Verkehr ist oft sehr umständlich und langsam, besonders an Sonntagen. Und die Fähre fährt kurz nach halb Neun bereits ab, selbst wenn die Abfahrtszeit mit neun Uhr angegeben ist.

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Die Fahrt selber dauerte neuneinhalb Stunden und sie war, verglichen etwa mit einer Fährenfahrt in Canada, sehr ungemütlich. Es regnete bei der Abfahrt, der Ozean war rauh und erst später klärten sich Wetter und Meer.

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Doch das war nicht das Thema. Es war eher die Art, wie das Schiff eingerichtet war… und alles war auf Dauer-Entertainment, was bedeutete, dass es kaum irgendwo Ruhe gab. Live-Musik, ein grosses Kino, ein Geschäft, Kinderplätze mit Drückvorrichtungen, die jede Menge quieckender und schrillter Laute von sich gaben, Essplätze mit mehreren verschiedenen Musikquellen, dreissig-Dollar-Menüs (mikrogewellt natürlich)… und kalte Klima-Anlagen. Dazu Menschen, die – wie im Flugzeug schon – so tun, als wären sie alleine auf der Welt.

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Die Einfahrt nach Devonport in Tasmanien mit der Fähre “Spirit of Tasmania”

Tasmanien ist der siebente Bundesstaat Australiens und es hat die Form eines Herzens. Es war einst Teil der australischen Landmasse und es war ein heiliges Land für seine Ureinwohner, die es tausende von Jahren gehütet und gepflegt hatten… Bis dann vor nur wenigen Jahrhunderten die Europäer eindrangen und sowohl die alte Kultur zerstörten als auch die Aborigines völlig auslöschten. Doch nicht nur das, man missbrauchte das Land für riesige Strafkolonien unter grausamsten Bedingungen. Und diese Sträflinge hatten hier natürlich nichts mehr zu verlieren und waren zu allem bereit… Und 1996 gab es dort eines der grössten Massaker der Weltgeschichte. Aber darüber wird weder gesprochen noch darf gefragt werden.

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Und die Reste des grössten dieser Konzentrationslager unten im Süd-Osten, genannt „Port Arthur“, gelten (zusammen mit der Kohlenmiene) heute als „World Heritage Site“, als Welt-Erbe also! Es ist unglaublich! In teuren Broschüren werden sie als „faszinierend“ beworben, so als handle es sich um einen kostbaren Platz. Und man kann dort für ebenso teures Geld an allen möglichen Aktivitäten teilnehmen, bis hin zu einer Geistertour nach Eintritt der Dunkelheit… Natürlich wird es dort noch immer herumgeisternde Seelen geben. Das aber scheint der Stolz dieses Landes zu sein, seine Kultur, auf die es aufbaut. Beim blossen Lesen und Denken an das, was da los ist, stellt es mir die Haare auf. Wie es aussieht, werde ich jedoch irgendwann auch dorthin fahren müssen. Darauf aber sollte ich gut vorbereitet sein.

Selbst das Hüterwesen dieses Landes ist schwer belastet und völlig aus dem Gleichgewicht… Solcherart waren die Informationen, die ich hatte – da war die Fähre aus Melbourne noch lange nicht angekommen.

Ich bin hier an Land gegangen und alles begann sich auf eigenartige Weise zu verdrehen. Die drei Nächte, die ich an einem Campingplatz gebucht hatte, nämlich einen Camper, stellten sich als Fehlbuchung heraus. Es sei im internet falsch ausgeschrieben gewesen, teilte man mir mit – ungeduldig, was ich denn hier mache, ohne Auto und ohne Wohnwagen. Es war schon später am Abend, und deshalb musste ich eine Kabine nehmen zu einem Preis, der für eine Nacht weit höher lag, als die gebuchten drei Nächte zusammen.

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Der Caravan- und Campingplatz in Devonport

Dann ging ich aus, um nach einem Restaurant zu suchen, das auch Internet hat. Das Restaurant war nach einem langen Marsch gefunden, doch das Internet stellte sich als ein Ding der Unmöglichkeit heraus, nach dem Motto: „Entweder du hast selber eins oder du hast eben keines“. Es gab zwar eine sehr teure Möglichkeit, doch es war unmöglich, die tausend Fragen zu beantworten, die dafür notwendig gewesen wären. Das hat auch der Restaurant-Besitzer zugegeben. Dieses Internet-Thema dürfte übrigens für das ganze Land gelten. Selbst McDonalds, wo es ist sonst immer Internet gibt, fällt hier aus der Reihe. Und ich würde sowieso ungern täglich dort hingehen müssen. Momentan habe ich eine Stelle, wo ich nachts hingehen kann – einen Pizza-Fastfood-Platz, der mir die Ohren und meinen Geruchssinn zudröhnt, sodass ich so schnell wie möglich das Weite suche. Jetzt z.B. sitze ich auf der Strasse und versuche über diese Pizza-Kette eine Verbindung zu bekommen…

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Es wundert mich nicht wirklich, warum alles so verdreht ist hier, denn ich bin da in eine unwahrscheinliche Egozentrik und Mittelmässigkeit des Lebens herein gekommen, die man als einfacher Tourist, welcher kommt, um in die für ihn vorbereitete Erlebniswelt einzutauchen, vermutlich nicht merken wird. Das gilt übrigens auch für den Kontinent ein paarhundert Kilometer nördlich.

Die Australier sind Gambler, und Spielhallen und Casinos findet man überall. Auch an dem Platz, an dem ich jetzt wohne, ist unterhalb eine solche Einrichtung. Tag und Nacht kommen die Menschen, um da ihr Glück zu versuchen… Insgesamt könnte man die Menschen als „sloppy“ bezeichnet, ein wenig herunter gekommen und so, als würden sie sich einfach nur gehen lassen. Natürlich gibt es auch ein paar andere, doch das ist der Durchschnitt. Und es wirkt auch vieles so: schlampig und unansehnlich, selbst die Art und Weise, wie sie Städte und Dörfer bauen. Neue Brücken z.B. aus Beton, Betonhallen mitten im Ort, usw. Dafür sind ihre Autos riesig und die meisten von ihnen auch sehr laut und dröhnend.

Doch kein Wunder, wenn man die Wurzeln (bzw. auch das Nicht-Verwurzeltsein) bedenkt, auf der diese Kultur aufbaut: Eroberung, Ausrottung, Vernichtung, Straflager… das ist alles andere, als eine gesunde Ausgangsbasis.

Viele Tier- und Pflanzenarten wurden in den ersten Jahrhunderten unter europäischer Besatzung und Verwaltung einfach ausgerottet. Jetzt gibt es überall zwar Nationalparks, doch auch da versucht man, alles unter Kontrolle zu halten. Die Menschen zahlen eine ganze Menge für ihren Besuch dort, für Tierpatenschaften, usw. und man sperrt wilde Tiere ein, um sie allen zugänglich zu machen… Man darf sie berühren und streicheln.

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Am ersten Tag hier in Ulverstone war da dieser kleine Baby-Reiher

Das Essen hier ist durchschnittlich „very british“, d.h. wenig erbaulich. Grosse Landesteile sind Tierfarmen. Man versucht aber auch, Gemüse, Obst und Beeren zur Versorgung der Bevölkerung (das sind ca. eine halbe Million Menschen) so gut wie möglich hier zu produzieren.

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Es ist laut hier, doch abseits einer Stadt zu wohnen, scheint unmöglich zu sein – besonders ohne Auto. Die Dame an der Tourist-Information gestern hat mich mitleidig angeschaut, als ich gesagt habe, dass ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein werde und sie hat gemeint, dass man da kaum irgendwo hinkommen kann. Nun, es ist, was es ist…

Viel gibt es hier für mich zu tun, und wie es aussieht heisst es, selbst unter den schwierigsten Bedingungen einfach zu tun was zu tun ist!

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